Zeitzeugen aus der DDR zu Besuch am Willi-Graf-Gymnasium

Zeitzeugen aus der DDR zu Besuch am Willi-Graf-Gymnasium – Ein Projekttag der Klasse 10c zum Thema „Jugend in der DDR“

von Israa Habib (10c), Mitarbeit: Meriem Zehra Ercan und Zainab El-Khalil.

Unsere Deutschlehrerin Frau Morgenstern hat eine Anfrage an die Konrad-Adenauer-Stiftung geschickt, um uns Schülern und Schülerinnen des Willi-Graf-Gymnasiums eine Chance zu geben, mehr über die DDR und die Wendezeit zu erfahren. Nadja Klier, die Tochter von Freya Klier, einer ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin, ihr Ehemann Ingo Hasselbach und Christian Schleicher von der Konrad-Adenauer-Stiftung sind dann gemeinsam zu unserer Klasse an das Willi-Graf-Gymnasium gekommen.

Der Besuch von Nadja Klier und Ingo Hasselbach hatte die Zielstellung, uns klarzumachen, wie das DDR-Leben für Menschen aussah, die entweder in der politischen Szene aktiv waren oder Elternteile hatten, die aktiv waren. Sie wollten uns auch klarmachen, dass wir die jetzige Staatsform, die Demokratie, schätzen sollten, da wir hier beispielsweise unsere Meinung frei äußern können, ohne Angst vor Repression haben zu müssen.

Am 16.03.2022 hat der Tag mit einem Dokumentarfilm begonnen, in dem es hauptsächlich um die Zeit, die Ingo Hasselbach, Aussteiger aus der rechten Szene, im Gefängnis verbracht hat und die Akten, die die „Stasi“ (Ministerium für Staatssicherheit, MfS) von Nadja Klier und Ingo Hasselbach hatten, ging. Nach dem Film gab es eine Fragerunde, unter anderem ging es um die Gefühle von Nadja K. und um die Partei (Nationale Alternative), die Ingo H. als ehemaliger Neonazi in Berlin gegründet hatte.

Nadja Klier war 15 Jahre alt, genauso alt wie die meisten von uns, als sie von ihrer Mutter und von dem Ehemann ihrer Mutter getrennt und eine Woche später mit ihrer Familie von der DDR ausgebürgert wurde. Eine Person, die zu dieser Zeit an ihrer Seite war und als Stütze diente, war ihre beste Freundin Anna. Nadja und Anna haben sich immer gut verstanden und sogar nach der Ausbürgerung haben sie sich Briefe geschickt.

Danach ging es um Ingos Geschichte. Ingo Hasselbachs Vater war als Kommunist in der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) aktiv. Er lebte in der „Alt-BRD“ und ist von dort in die DDR geflüchtet, da er politisch verfolgt wurde. Die KPD war inzwischen in der Bundesrepublik verboten worden. Ingo Hasselbach, der Sohn von Jugo H. wuchs in der DDR auf. Er war schon immer „anders“ und somit von der Staatssicherheit beobachtet worden. Uns wurden zahlreiche Videos von Ingo H. und seinen Freunden als Punker, einem Trend aus dem Westen, die von der Staatssicherheit aufgenommen worden sind, gezeigt. 1986 führte sein Aufruf „Die Mauer muss weg!“  zu seiner ersten Haftstrafe, welche drei Monate dauerte und es sich ausschließlich für ihn um harte Arbeit handelte. Sein gescheiterter Fluchtversuch aus der DDR in die Bundesrepublik führte zu einer weiteren 3-jährigen Haftstrafe. Als er das zweite Mal in Haft war, traf er dort auf Nazis, die für die Deportation aller Dresdner Juden nach Auschwitz verantwortlich waren. Die Männer haben die Wut und den Hass des Jungen auf den Staat ausgenutzt und ihn animiert, seinen Hass in Taten umzusetzen. Später gründete er in Berlin die rechtsnationale Partei „Nationale Alternative“, deren führender Kopf er auch war. Die Personen, die in der Partei tätig waren, besetzten hauptsächlich leerstehende Häuser in Berlin.

Am Ende sprachen wir über Rassismus und „Ausländer“ in der DDR. Ausländische Arbeitskräfte und Auszubildende wurden als „Vertragsarbeiter“ bezeichnet, welche in der DDR ab den 1960ern zeitlich befristet und ohne Integrationsabsicht als Gastarbeiter angeworben wurden. Diese hatten wenig Kontakt zur übrigen Bevölkerung.

Der Besuch von Nadja Klier und Ingo Hasselbach war sehr informativ. Wir diskutierten rege. Ich vertrete die Meinung der gesamten Klasse, dass es sich um ein einzigartiges Erlebnis handelt, offen mit Zeitzeugen über eine Epoche zu sprechen, die wir nie miterlebt haben.